Offener Brief an die katholische Kirche in Ahlen

In einer öffentlichen Stellungnahme hat es die katholische Kirche in Ahlen abgelehnt, sich an der Veranstaltung ‘Ahlen bleibt bunt’ zu beteiligen. Dieser offenen Brief an die Verantwortlichen in Ahlen ruft dazu auf, diese Haltung zu überdenken.

Sehr geehrter Herr Dr. Kaulig,

ich wende mich in diesem Schreiben als Privatperson an Sie. Anlass ist Ihre Stellungnahme zu der geplanten Veranstaltung der Initiative ‘Ahlen bleibt bunt’ am 13.04.2018 um 17 Uhr auf dem Rathausplatz in Ahlen. Aufgrund der gesellschaftlichen Bedeutung des Themas ist dieser Text als offener Brief aufgesetzt.

In einer öffentlichen Stellungnahme haben Sie als Stadtpfarrer für Ahlen kürzlich begründet, warum die katholische Kirche in Ahlen sich nicht an der Veranstaltung der Initiative ‘Ahlen bleibt bunt’ beteiligen wird. Zwar stünde die katholische Kirche an der Seite des Protestes, wenn es um darum ginge, für eine offene Gesellschaft, Toleranz, ein friedliches Miteinander und gegen Rassismus und Ausgrenzung Flagge zu zeigen. Aus ihrer Sicht verfolge aber die angekündigte Veranstaltung von ‘Ahlen bleibt bunt’ eine andere Stoßrichtung, da das Ziel des Protestes eine Partei bzw. eine Person sei.

Im folgenden möchte ich begründen, warum der Widerstand gegen Ausgrenzung, Rassismus und Faschismus in Deutschland immer auch ein Protest gegen Personen und Parteien sein muss, die mit Hass und Hetze die Gesellschaft spalten und Demokratie und Freiheit demontieren wollen.

Dazu lade ich Sie zu einem Besuch in der Ausstellung ‘Archiv der Deutschen Abgeordneten’ des Franzosen Christian Boltanski ein, die im Berliner Reichstag zu sehen ist

Nahezu 5000 Kästen sind mit den Namen der Abgeordneten beschriftet, die zwischen den Jahren 1919 und 1999 auf der Grundlage demokratischer Wahlen der verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung von 1919/1920, den Reichstagen der Weimarer Republik oder dem Deutschen Bundestag angehörten. Neben den Kästen von Stresemann, Adenauer, Schmidt und Kohl findet sich auch der unscheinbare Kasten von Adolf Hitler. Er erinnert daran, dass der ehemalige Reichskanzler als normaler Abgeordneter 1933 in das Parlament gewählt wurde für die NSDAP.

Folgt man der Ausstellung ausgehend von dem Namen Hitlers in Richtung der ersten Abgeordneten der Bundesrepublik, stößt man auf eine einzelne schwarze Box. Sie steht für die Jahre, in denen das deutsche Volk über kein demokratisch legitimiertes Parlament verfügte. Am Neubeginn der Demokratie in unserem Land steht die Box von Konrad Adenauer, der die Liste der ersten frei gewählten Abgeordneten von 1949 alphabetisch anführt.

Diese Ausstellung macht mit lakonischer Wucht darauf aufmerksam, dass eben der Zusammenbruch einer Gesellschaft von Parteien und Personen herbeigeführt wird. Faschismus ist keine abstrakte Ideologie aus den Geschichtsbüchern, sondern ist eine verbrecherische, inhumane Haltung von Personen und Parteien.

In Deutschland stehen die AfD und gerade auch Bernd Höcke für genau diese Haltung. In nahezu allen öffentlichen Äußerungen der Partei, deren Funktionäre und insbesondere von Höcke bricht sich ein Gedankengut Bahn, dass den christlichen Werten fundamental entgegen steht.

Es ist mir daher unverständlich, wie man dabei als christlicher Würdenträger abseits stehen kann und sich dieser erbarmungslosen und menschenverachtenden Haltung eben nicht öffentlich entgegen stellt. Dabei ist doch der Auftrag gerade der katholischen Kirche offensichtlich:

“Die Politik der AfD ist für Christ*innen unannehmbar: Wir suchen einen Weg des Glaubens nach Auschwitz – Spitzenfunktionäre der AfD verhöhnen hingegen die Erinnerung an den Holocaust und verklären den verbrecherischen Krieg der Wehrmacht. Unser Glaube ist katholisch und ökumenisch, also weltumspannend – die AfD macht die Menschenrechte teilbar durch nationalen Egoismus. Uns ist die Bewahrung der Schöpfung dringendes Gebot – die AfD verbreitet Fake-News über Klimawandel und ökologische Krise.”

Dies ist ein Zitat aus dem Aufruf “AfD ausladen! Münsteraner Erklärung für eine mutige Kirche”:

AfD ausladen! Münsteraner Erklärung für eine mutige Kirche

Engagierte Christinnen und Christen fordern darin ausdrücklich, den Funktionären der AfD kein Podium zu bieten auf dem Katholikentag in Münster. Die Autorinnen und Autoren führen in der Argumentation drei Gründe, ‘Dammbrüche’ genannt, an:

– Die Einladung des AfD-Vertreters stellt eine Normalisierung einer menschenfeindlichen und hasserfüllten Politik dar.
– Die Einladung bricht mit der bisherigen klaren Linie der Abgrenzung von der AfD.
– Die Einladung durch das ZDK stellt einen Bruch dar mit dem langjährigen breiten und starken Widerstand der Münsteraner Öffentlichkeit gegen den öffentlichen Auftritt von AfD-Funktionärinnen und -Funktionären.

Diese Erklärung endet mit den Worten:

“Politisch wachsames Christentum steht für eine mutige Kirche und mit Dietrich Bonhoeffer dafür ein, dem Rad früh genug in die Speichen zu fallen.”

Sehr geehrter Herr Dr. Kaulig,

ich möchte Sie ermutigen, Ihre Haltung zu überdenken. Angesichts unserer Geschichte und der aktuellen Entwicklung ist es jetzt an der Zeit, Widerstand zu leisten. Noch bedarf es nicht den Mut eines Dietrich Bonhoeffers, um dem Rad früh genug in die Speichen zu fallen. Es ist unsere gemeinsame historische Aufgabe, heute dafür zu sorgen, dass in der Liste der frei gewählten Parlaments-Abgeordneten nie wieder eine schwarze Box nötig sein wird.

Mit christlichen Widerstandsgrüßen

Jürgen Blümer
Drensteinfurt