Burn

Der Reisende weiß, dass er seinem letzten Ziel heute nur die unbedeutende Zeitspanne von wenigen Stunden näher kommen wird. Die Musik in den Ohrsteckern dreht in der Endlosschleife, während die Zugspitze sich hinter seinem Rücken durch den märkischen Sand nach Osten pflügt. Der Reisende blickt in die untergehende Sonne, die ein letztes mal Kraft sammelt, bevor die Nacht ihre Herrschaft errichtet. Der Zug scheint schläfrig zu schaukeln in den Gleisen.

Der Reisende denkt an die Helden aus fernen Jungentagen, die ihn durch die vergangenen Jahrzehnte begleitet hatten, nun aber nur noch durch ein feines Elektronenzittern zu ihm sprechen können. Er nimmt sich vor – aus gegebenem Anlass – an der wütenden Stimme des Sängers vorbeizuhören, lässt die wilde Energie des Sologitarristen in der Ecke stehen und konzentriert sich auf die Rhythmusgruppe aus zweiter Gitarre, Bass und Drums.

Der Sound wird von einem Bass angetrieben, der sein Werk verrichtet wie ein Bohrhammer an abbruchreifem Mauerwerk. Zart setzt zunächst die Gitarre ein, mit einem Riff, dass noch zögernd tastet, ehe es den Zorn mit den hineinstürzenden Drums in den Membranen erzittern lässt. Der Zorn in der Musik rennt an gegen die zu Beton gefrorenen Gefängnismauern, errichtet von einer Welt aus Krawatten und Rüschenblusen, deren Regeln die Schultern einer kämpferischen Jugend nieder zwingen.

Und während die zweite Gitarre den Song mehr und mehr zusammenhält, dabei die Band in eine Richtung vorantreibt und das Riff durch den Orkan des Gitarrensolos geleitet, überschlägt sich mehr und mehr die Stimme des Sängers. Der Frontmann des Gefangenenchors schreit aus der Tiefe jugendlicher Folterkammern nach seinem Leben. Er fleht dabei nicht – er droht. Denn er weiß seine Kraft und vor allem seine Zeit auf seiner Seite.

Die Zukunft hat nur einen Plan für die Band bereit, und der Plan ist ‚zerstören‘, ’niederreißen‘, ‚unterpflügen‘. Jetzt, da es nichts mehr zu verlieren gibt, mit dem Gesicht am Stahl der Gefängnistore, wo die Freiheit nur noch einen Kampfesrausch entfernt scheint, müssen die Flammen nur noch entzündet werden.

Der Reisende beobachtet den tiefroten Horizont, der einem Meer aus Feuern gleicht, und darüber die sich ausbreitende Dunkelheit. „Burn Burn Burn“ schallt es durch das Gehör des Reisenden bis Lied und Tag ersterben.

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