Unsichtbares

Der Reisende ist nun auf dem Weg. Seine Reise hat auf der ersten Etappe kein Ziel, aber einen Auftrag. Er hat eine Botschaft zu überbringen, eine Nachricht an unsichtbare Freunde. Der Reisende hat diese Menschen nie getroffen, doch weiß er genau, wie sie aussehen. Denn er ist Ihren Spiegelbildern begegnet, in Berlin, Dresden, Paris, Hamburg, Brüssel, Köln, Genua, Gorleben, Heiligendamm.

Er erkennt sie an der Art, wie sie gehen, ihre Haare hochstecken, an ihren Bärten und Schaftstiefel, an den Röcken und der dunklen Tusche um die Augen, an der Musik, die sie mitbringen auf Lautsprecherwagen, und den Gedichten, die sie vortragen herunter von kleinen Bühnen. Er hört ihre Geschichten und weiß die Pointen bereits vor dem letzten Absatz. Er hat neben ihnen gesessen zwischen Asphalt und Grünstreifen, hat mit ihnen zu den Schlagstöcken und Uniformen aufgeblickt. Der Reisende hat sich zwischen ihnen nie gefürchtet, und er liebte das Adrenalin, das ihnen Gemeinsam durch die Glieder schoss.

Für die Botschaft gibt es keine Worte. Jedoch spürt er sie, wenn er die Hand auf den Asphalt der Innenstädte legt, sein Ohr sich über dem Schotter an das Eisen der Bahnschienen schmiegt, wenn das Gras auf den Wiesen vibriert von der Energie der fernen Bühnenlautsprecher, wenn der Chor die alten Hymnen hinaus in wilde Stadionnächte schreit, wenn der Wald nur noch schweigt, weil das Sterben sich in der Stille unter den Blüten ereignet.

Die Nachricht handelt von einem verborgenen Massaker, berichtet von unsichtbarem Töten und Sterben, wobei diejenigen, die Töten, bereits gestorben sind. Ihre Körper sind nur noch der Seele beraubte Hüllen, die gleich Zombiemaschinen die alltäglichen Routinen eines globales Vernichtungsprogramm abrufen in der Systemlaufzeit zwischen Vorort-Wohnhölle, Einkaufzenter-Dschungel und Arbeitsplatz-Ödnis. Geist, Blut und Herzschlag sind hier nicht mehr zu finden.

Wenn der Reisende eine Stadt verlässt, dauert es lange, bis er die Todeszonen durchquert hat, die sich um die Point Zeros nachhaltiger Zerstörung ausbreiten. Der Kampf gegen jede Natur – die innere und die umgebende – lässt keine Gefangenen zu und kennt nur Opfer. Jenseits dieser Todeszonen sind die Unsichtbaren zu finden. Der Reisende weiß, dass nur die Unsichtbaren das unsichtbare Zerstörungswerk sichtbar machen können.

Und so erwartet der Reisende die Begegnung mit den Unsichtbaren. Ort und Zeit werden sich einstellen und sich ihm bis dahin unbekannt. Und dennoch – das Ziel ist ihm vorgegeben. Nur gelegentlich erschrickt der Reisende, wenn sein Spiegelbild im Abteilfenster zu verschwinden scheint, wenn er in den Schlangen vor den Fahrkartenschaltern übersehen wird, wenn Passanten ihn unaufmerksam anrempeln. Manchmal spürt er die Blicke junger Frauen durch sich hindurch gehen, so dass er aufseufzen muss. Dann spürt der Reisende seine Vergänglichkeit.

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