Tanzt – sonst sind wir verloren!

Der Reisende steht an seinem Abfahrtgleis und wartet im Bahnhof unter dem hoch geschwungenen Glasdach auf seinen Zug. Den Himmel trübt ein helles Grau, dessen Wolken keinen Regen ankündigen. Das Warten ist ein wichtiger Aspekt des Reisens, denn es nimmt der Fortbewegung die gehetzte Eile, ist der ruhende Ort zur hinter sich gelassenen Strecke. Es ergänzen sich Ort und Strecke zum Rhythmus der Reise, idealerweise in der Art, dass bereits diese Abwechslung dem Reisen einen Sinn gibt.

Der Reisende wartet also und schaut über die parallelen Gleise hinüber zu dem Strom, der lässig unter der alte Brücke entlang fließt. Sein Blick verharrt an eine Person, dessen Glieder sich seltsam verdreht in dunkler Kleidung vor dem hellen Hintergrund abzeichnen. Es dauert einige Sekunden, bis der Reisende erkennt, dass der Mann – die ferne Silhouette lässt auf einen Mann schließen – dort am Gleisende kurz vor dem Stromufer einsam tanzt. Und während sich Arme und Beine zu verwirrenden Bewegungen wieder und wieder verrenken, vermutet der Reisende einen Alkoholiker oder Junkie in seinem irren Rausch, der dort am Ende der Plattform einen Wahn zusammen halluziniert.

Der Tänzer hebt die Hand und winkt. Der Reisende blickt durch die Halle auf der Suche nach dem Ziel des Grußes und findet eine Gruppe von drei Schwarzen auf dem Nebengleis, zwei Männer und eine Frau, ein Ghetto-Blaster auf dem Bahnsteigpflaster, einer der Männer mit einer Video-Kamera in der Hand, das Pärchen daneben – tanzend. Die gleichen wilden Verrenkungen, unterbrochen von Moonwalk und Breakdance-Moves. Sie lachen ihre weißen Zähne breit in ihre schwarzen Gesichter, winken zurück zu dem Mann auf den fernen Gleis. Grüße und Tanzbewegungen fliegen hin und her, bis der einsame Mann mit der Base Cap einhält, wie zum Abschied ein letztes mal winkt, und rasch im Treppenabgang verschwindet.

Die drei Schwarzen klatschen sich ab, stupsen sich mit den Schultern an, lachen, schieben die Koffer zusammen, als schließlich ihr ICE einrollt und sie einsteigen. Und dann bleiben die beiden Bahnsteige zurück in ihrem Bahnhofsalltag. Der Reisende wartet weiter auf seinen Zug.

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