Auf den Weg machen …

Dies ist der Beginn einer Reise. Einer Reise, dessen Route sich nicht allein in geographischen Koordinaten ausdrücken lässt. Diese Reise bewegt sich auch durch eine Zeit in der Art, dass sie sich dem reißenden Strom des Zeitenlaufs entgegen stemmen will und willkürlich springt an Momente, die wie Postkarten an der Küchenwand Erinnerungen wachrufen können.

Diese Reise will aber auch hinabsteigen, orthogonal zu den Zwängen von Zeit und Raum, nach oben, um sich einen Überblick zu verschaffen, nach unten, um durch eine Vertiefungen in Geschehen und Gedanken neues Verständnis zu erschürfen.

Diese Reise wird atemlos und holprig, schlecht vorbereitet und stets improvisiert, mit linker Hand dahergeschludert statt mit rechter Hand gut organisiert sein. Diese Reise will nicht gehetzt sein, doch wird sie rasen, wenn der Strom sich zur rasenden Flut aufbäumt. Sie wird versuchen, Rast zu nehmen, wenn es angebracht erscheint. Diese Reise wird Fehler erlauben und Irrwege einschlagen. Dem Reisenden wird vieles peinlich, aber wenig wird zu bereuen sein.

Die Reise beginnt in einem Bahnhof, im Reisezentrum vor den Informationsschaltern, wo eine Nummernausgabe eine virtuelle Ordnung in die herumstehenden Menschen bringt. Während der Reisende darauf wartet, dass seine Nummer einem Schalter zugewiesen wird, fällt ihm eine dunkelhäutige Person auf, die mit herumsuchenden Blick durch den Warteraum irrt. Augenblicklich fühlt sich der Reisende in einem Dilemma: Soll er den Menschen mit afrikanischen Wurzeln ansprechen auf die Gefahr hin, sich mit mitteleuropäischer Überlegenheit lächerlich zu machen – oder soll er auf ein lautes, belehrendes Rufen warten, dass eine bundesbahnkorrekte Belehrung zur Aufrechterhaltung der Warterordnung beinhalten würde?

Noch während der Reisende über die Auswirkungen der Handlungsoptionen sinniert, fällt ihm auf, dass seine Nummer bereits übersprungen wurde. Er zieht sich eine neue Nummer, beschließt spontan, noch eine weitere zu ziehen, und spricht die verloren wirkende Person an. Der Mann um die vierzig lächelt mit einer Lücke in den weißen Zähnen, während er zu dem Reisenden aufblickt. Rasch ist dem Reisenden klar, dass als gemeinsame Sprachbasis Französisch herhalten muss, jedoch seine Schulkenntnisse nicht ausreichen und Wortbedeutungen unter einem schweren afrikanischen Dialekt wegrutschen.

Die erste gezogene Nummer wird aufgerufen, und der Reisende deutet dem dunkelhäutigen Mann, sich zu dem Schalter zu bewegen, wo eine Kundenbetreuerin den Reisenden und den französischsprachigen Afrikaner anlächelt. Wenige Handbewegungen reichen aus, um die Frage nach der Fahrt Richtung Heidelberg zu artikulieren, da der dunkelhäutige Mann die Zugverbindungen bereits ausgedruckt hat.

Der Reisende nickt der Frau zu, die mit wenigen Vokabeln aus dem Schulfranzösisch versucht, die Tücken des Deutschen Bahnverkehrs zu erläutern, und erkennt, dass nun auch für ihn ein Schalter bereit ist. Wenige Minuten später ist seine Angelegenheit erledigt.

Er blickt sich beim Gang hinaus zu den Gleisen nochmals im Reisecenter um. Der Mann aus Afrika ist verschwunden, die fahrplankundige Bahnangestellte im nächsten Gespräch vertieft. Alles in diesem Raum hat sich wieder in geschäftiger Routine eingefunden. Auf dem Weg zu seinem Gleis wird dem Reisenden klar, dass er dieses eine Mal das Richtige getan hatte – eine menschliche Kleinigkeit. Nicht mehr. Aber es lässt ihn für Sekunden über die glitzernden Fliesen der Bahnhofshalle schweben, so kurz, dass man noch nicht von Übermut sprechen kann.

Er steigt dann ein, der Zug fährt los. Die Reise beginnt.

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