Wenn Wegschauen zur Staatsräson wird

Kunst kann ein Spiegel der Gesellschaft sein, kann Zeichen setzen – wenn sie relevant ist. Das Dresdener „Monument“-Kunstwerk, das an das Sterben in der Syrischen Stadt Aleppo erinnerte, hat zu Beginn des Jahres deutlich gemacht, wie notwendig eine Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht und Fluchtursachen ist. Münster und die Skulptur-Projekte verweigern sich dieser Auseinandersetzung – und setzen mit der Absage an den Mexikanischen Konzeptkünstler Santiago Sierra ebenfalls ein Zeichen, ein Zeichen beängstigender Normalität.


Der Apparat hat die Menschen geschluckt. Jetzt sitzen die Flüchtlinge in renovierten Heimen und frischen Unterkünften, in der ländlichen Einöde Nordostdeutschlands oder in den Metropolen am Rhein. Sie sind zu Zahlen zusammengeschrumpft in den Statistiken des BAMF, des BKA, der Krankenkassen und Arbeitsagenturen.

Die Verdauungsmechanismen des Apparates funktionieren, haben aber eine Zeit benötigt, um sich auf die Flüchtenden einzustellen. Nun geht aber alles seinen bürokratischen Gang. Ordnung und Sicherheit sind nicht im Übermaß gefährdet und können daher in Parolen gewandet auf die politischen Schlachtfelder getragen werden.

„Ein Symbol für das Leid der Menschen an Europas Außengrenzen direkt neben Fressbuden, Pferde-Hoppe-Reiter oder dem Disco-Express: Das geht zu weit. So genau will man es dann doch nicht wissen mit dem Leid der Flüchtlinge. Die Skulptur-Projekte mussten das Projekt wieder einpacken, …“
Stefan Bergmann, Presseausweis, na dann

Es lebt sich seit den Großeltern ein Leben, das nur in wenigen Moment erregt auftritt, um sich aus friedlichen Bahnen zu heben. Hier, Europa, das ist das Auenland. Hinter dem Bosporus beginnt Mordor und die Orks schlachten sich mit Giftgas ab. Die Medieninformationen kommen aus einer fernen Welt, und am Wochenende läuft wieder Bundesliga.

Wir sitzen uns im Zug gegenüber und er fragt mit enttäuschtem Blick: „Ich habe in Berlin gesehen, wie tausende für eine bessere Ernährung demonstrieren. Warum interessiert sich niemand dafür, dass Menschen in meinem Land sterben?“
Ich zucke mit den Schultern und will antworten, ehe er mir zuvor kommt: „Ist Euch unser Leben weniger wert als das Leben von Haustieren?“

„Deutschland ist ein Land voller Egoisten. Jeder denkt zuerst an sich. Das Leid in Deiner Heimat – das ist zu weit weg, um hier irgend jemanden zu berühren.“

Das Leben in Europa hetzt voran. Die Zeiten sind unsicherer und die Globalisierung spült die Gewalt bis an unsere Vorgärten und Balkone. Die Herausforderungen des Alltags sind groß, Urlaube sind zu planen, Familienfeiern, eine Karriere, die eigenen Kinder, eine Beerdigung in der nahen Verwandtschaft. Die Blicke bleiben eng wie die Herzen. Die Gerüche und der Lärm in den Flüchtlings-Konzentrationslagern kann nur mit göttlichem Beistand wahrgenommen werden. Die Irritationen über den Wahnsinn des Krieges in Zeiten grenzenlosen Informationsflusses sind von zu geringer Dauer, um wirklich vom Wegschauen ins Nachdenken zu kommen.

„Wir hatten ein Projekt mit Santiago Sierra geplant, der die Grenzziehung nach Münster bringen wollte: eine 333 Meter lange Barriere, die von einem Lkw ziehharmonikaartig aus einem Container gezogen wird. Die Methode wurde an der ungarischen Grenze angewandt, um Flüchtlinge aus Syrien abzuhalten. Sierra wollte diese Grenze genau in der Achse des Schlosses errichten, aber wir hätten sie zwischendurch abbauen müssen für andere Veranstaltungen.“
Kasper König, Leiter der Skulptur-Projekte Münster

Angst vor den Kopftüchern, den dunklen Augen, der Sprache mit den fremden Lauten, den vielen Kindern und vor allem, was noch aus Mordor kommen mag. Wenn die Grenzen nicht mehr die Landschaft zertrennen und Staaten einhegen, muss sich das Leben eben eingrenzen. Und die Gewohnheit. Und der Weg. Und das Denken. Und das Schauen.
Luxus und Bequemlichkeit sind die Drogen, die Gewalt und Elend vergessen machen.

„Es wäre ein starkes Signal gewesen, hätten die Gäste bei ‚Münster verwöhnt‘ gesehen, dass anderswo Menschen an Zäunen sterben. Es wäre spannend geworden, hätte Brüche provoziert. Doch das münstersche Wohlfühl-Gedusel obsiegt.“
Stefan Bergmann, Presseausweis, na dann

Zwischen Dresden und Münster ist der Wille verloren gegangen, sich den Elenden und Verlorenen mit eigenen Gedanken zuzuwenden, sich den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen, mit Mut und Barmherzigkeit den Schutzsuchenden entgegen zu treten. Das riesenhafte ‚Was-kann-ich-tun?‘ verzwergte sich in ein ‚Ich-kann-nichts-tun‘, womit auch gleichzeitig die Menschlichkeit dahin schmolz.

Der Kampf in Syrien wird viele tote Kinder auf die Bildschirme deutscher Wohnzimmer spülen. Die Fluchtrouten enden auch in diesem Sommer wieder in den Salzwasser-Massengräbern vor den Küsten des Kontinents der Freiheit. Es wird nicht aufhören, es wird nur stiller  – in den Köpfen. Keine Friedhofsruhe. Keine Ruhe nach der Schlacht. Es wird nur der Ton abgedreht, wenn die Tomahawks einschlagen. Und die Bilder sind in ‚Call of Duty‘ sowieso besser gerendert.

An den Grenzen des Erbarmens
liegt hart die Luft über Winterland
steht fest die Wacht an Stahl, Draht und Wand
fegt das Schicksal viele Leben an den Rand
Prophet der Liebe friert ohne Gewand
an den Grenzen des Erbarmens
(aus: Grenzen von Europa)

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.