Blind Willie McTell

Aus den pop-musikalischen Abgründen der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, aus der Zeit der neonglatten Oberflächligkeiten, erstrahlt ein Song, der wie kein anderer  dieser Epoche in die Tiefe geht und das Genie des Künstlers heller erstrahlen lässt als all die Leuchtfeuer der Vergangenheit, die in jungen Jahren seinen Ruhm begründet hatten:
2 – 57. Text – Blind Willie McTell – The Bootleg Series Volumes 1–3 (Rare & Unreleased) 1961–1991

Wer noch die Samstag Abend Radio-Show von Alan Banks gehört hat, für den hat Musik eine andere Bedeutung als das heutige Hintergrundrauschen in Fahrstühlen und Mode-Boutiquen. Musik war Ausdruck der Persönlichkeit und würde es ein ganzes Leben bleiben. Ich habe über Alan Banks Neil Young und Rhino Bucket kennengelernt.

Und Bob Dylan. Dylan war – so meine Erinnerung – eine Stunde lang Thema in der Sendung. Es wurden, wie immer bei Bangs, Raritäten gespielt, von denen es bei Dylan natürlich auch wimmelte. Schon in den 90er Jahren. Ich lag also in meinem 10-Quadratmeter-Studentenzimmer in Münster oberhalb der Aral-Tanke direkt an der Steinfurter Straße. Das Leben tobte über die Straßen, alles, was jung und gierig nach Leben war, schien auf den Beinen zu sein.

Ich hatte mich in meiner ungestümen Jugend zwischen zwei Beziehungen verloren und ertrank in selbstmilteidigem Jung-Männer-Blues – und hörte Radio. Das letzte Lied vor Mitternacht war dann ‘Blind Willie McTell’ und ich war sofort versunken in dem Song. Er riss mich derart hinweg, dass ich ihn nicht mehr aus dem Kopf bekam. Nicht das Wochenende über, Nicht in der kommenden Woche.

Es gab kein Internet. Ich hatte es gerade noch geschafft, mir den vollständigen Titel zu merken, weil er eben in jeder Strophe vorkam. Und dass der Song niemals regulär veröffentlicht wurde. Heute weiß ich, dass Dylan das Lied für nicht gut genug befunden hatte, um es auf ‘Infidels’ zu pressen. So wurde eben aus einer guten Dylan-Platte kein Meisterwerk.

Zu der Zeit gab es um der Ecke von der Na-Dann einen CD-Laden, der auch mit gebrauchten Silberlingen handelte. Ich ging dorthin, weil ich zwischen den hohen Holzregalen schön des öfteren seltene Heavy-Metal-Scheiben erstanden hatte und beim rumstöbern zwischen Deep Purple und Dio ab und zu auch Dylan-Platten zwischen den Fingern hatte.

Ich fragte den Mann hinter der Kasse – und das ist keine Szene aus ‘High Fidelity’, sondern das echte Leben – nach dem Song und auf welcher Platte das wohl drauf wäre. Er musste in seinen Computer schauen und fand tatsächlich den Titel auf einer Bootleg Serie. Es war eine 3er-CD, Preis: 90 D-Mark. Für einen abgerissenen Studenten eine Menge Geld. Ich musste schlucken, entsprach doch die Summe in etwa dem Lohn von einmal Schweineställe ausmisten nach der Tier-Auktion in der Halle Münsterland.

Aber das war mir nach kurzem Nachdenken egal. Das war der höchste Preis, den ich je für ein einziges Lied auf einem Tonträger hingeblättert habe. Das Lied hat jeden Pfennig für mich mehrfach zurück gezahlt. Die Idee mit den Holzregalen habe ich für meine eigenen Sammlung übernommen – r+s-Sonderanfertigung mit geringer Brett-Tiefe. Seit 25 Jahren bewahre ich darin meine CDs und Vinyl-Platten auf.

Ach ja – der Song ist ja auch noch wichtig. Was gibt es über den zu sagen? Nun, zunächst einmal muss man wissen, dass der transatlantische Sklavenhandel, der die Schwarzen aus Afrika in die Neue Welt gebracht hat, zu den größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte gehört. In 350 Jahren sind diesem Verbrechen rund 70 Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Ganz zu schweigen von der Not und dem Elend, mit der diese Unmenschlichkeit über Jahrhunderte zwei Kontinente wie Pestbeulen überzog.

Das als Basiswissen, bevor wir uns der Hauptfigur des Songs zuwenden: Blind Willie McTell war ein Blues-Musiker, der in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zahlreiche Songs aufnahm. Er wirkte bis hinein in den Beginn der Rock-Musik, indem nicht nur seine Lieder sondern auch er als Person sich in den Songs wiederfanden.

Womit wir bei der Blues-Musik selber wären. Natürlich ist ‘Blind Willie McTell’ ein Blues – abgewandelt von ‘St. James Infirmary Blues’, dessen Autor unbekannt ist. Der Blues – entstanden aus den Gospels der schwarzen Kirchen, aus den Gesängen auf den Bauwollfeldern und dem herausgeschrienen Leid der Sklaven – ist längst ein Teil des weltweiten Kulturerbes. Ohne Blues würde es keine Rock-Musik geben. Der Blues wird – wie Jazz – auf der ganzen Welt gespielt und verstanden. Er ist einfach und roh und so kompliziert, weil sich das komplexe Leben immer wieder mit simplen Mitteln darin einfangen lässt.

Der Blues – das ist heute der Sieg der Sklaven über ihre weißen Herrn, ihre Peiniger. Die Epoche der Herrenhäuser und Plantagen ist in den USA längst untergegangen – auch wenn Trump und sein Faschisten gerade versuchen, die Geschichte neu zu schreiben. Doch der Blues wird alles überdauern.

Warum bin ich da so sicher? Nun – da reicht ein Blick in das Booklet der letzten Stones-Platte. Die Jungs begannen in England Mitte der 60er Jahre mit dem Covern von schwarzer Musik aus Chicago oder dem Blues Delta am Mississippi. Keith schreibt heute in dem Beiback-Zettel zu ‘Blue & Lonesome’: “If you don’t know the Blues… there’s no point in picking up the guitar and playing Rock And Roll or any other form of popular music.” Mick sagt dazu: “We have never lost our respect and love for the music they played.”

Keith soll sich für seinen Grabstein schon mal gewünscht haben “He passed it on” – Er hat es weiter gegeben. Und genau dies tut Dylan in seinem Song. Er gibt nicht nur den Blues weiter an die nächste Generation – er erzählt auch nochmal die Geschichte der Sklaven, von den Verbrechen, an denen die USA noch heute leiden, von dem Rassismus, der bis heute zahlreiche Gesellschaften spaltet (Scheiß Faschisten!) und von dem Stolz der Menschen, die sich nie dem Hass und der Menschenverachtung gebeugt haben.

Denn am Ende wird das Gute siegen, weil eben niemand den Blues singt wie Blind Willie McTell. Und wenn Dylan singt, erstrahlt das Universum! And that ist the fucking truth!

 

Los geht’s
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Seen the arrow on the doorpost
Saying, “This land is condemned
All the way from New Orleans
To Jerusalem.”
I traveled through East Texas
Where many martyrs fell
And I know no one can sing the blues
Like Blind Willie McTell

Well, I heard the hoot owl singing
As they were taking down the tents
The stars above the barren trees
Were his only audience
Them charcoal gypsy maidens
Can strut their feathers well
But nobody can sing the blues
Like Blind Willie McTell

See them big plantations burning
Hear the cracking of the whips
Smell that sweet magnolia blooming
(And) see the ghosts of slavery ships
I can hear them tribes a-moaning
(I can) hear the undertaker’s bell
(Yeah), nobody can sing the blues
Like Blind Willie McTell

There’s a woman by the river
With some fine young handsome man
He’s dressed up like a squire
Bootlegged whiskey in his hand
There’s a chain gang on the highway
I can hear them rebels yell
And I know no one can sing the blues
Like Blind Willie McTell

Well, God is in his heaven
And we all want what’s his
But power and greed and corruptible seed
Seem to be all that there is
I’m gazing out the window
Of the St. James Hotel
And I know no one can sing the blues
Like Blind Willie McTell