Age of Innocence

Do you hear the thunder
Raging in the sky?
Premonition of
A shattered world that’s gonna die.

In the Age of Reason,
how do we survive?
The protocols of evil
Ravaging so many lives?

Age of Reason, Black Sabbath

“Wir sind nicht unschuldig, nicht hier, nicht in dieser Zeit”. Sie wischt durch ihre Twitter-Timeline, Suchbegriff #Aleppo”. Trümmer, Bomben, Blut und Leichen von Frauen, Kindern, Männern reihen sich aneinander. Der Ton ist aus, so dass das Heulen der bunkerbrechenden Geschosse und das Inferno der Explosionen nicht zu hören sind.

Sie legt das SmartPhone bei Seite und zieht die Decke bis unter das Kinn hoch. Sie fröstelt. “Es geschieht jetzt und wir schauen nur zu, obwohl wir genau wissen, was dort passiert”. Ich stehe nackt am Fuß ihres Bettes und schaue hinunter auf ihren Körper, der sich unter der Decke abzeichnet. Die Erinnerung an die Nacht verschwindet unter dem Morgenlicht, das durch die Ritzen der Jalousien in das Zimmer hineinfällt. Die Welt dringt ein in unsere Zweisamkeit.

Der Krieg dringt ein in unsere Welt. Er steht eigentlich schon in diesem Raum. Er war hier, als wir miteinander geschlafen haben. Er zieht durch unsere Straßen, wenn wir in den Eiscafés sitzen. Er schaut uns zu, wenn wir durch die Einkaufszentren bummeln. Er steht unter der Laterne, wenn wir morgens unsere Kinder umarmen. Er lehnt am Kühlschrank, wenn wir die Katze füttern.

Der Krieg ist da, wenn wir die Augen schließen. Er wird bleiben, solange wir nur wegschauen.

Und während ich an ihrem Bett stehe, auf sie herunter schaue, begreife ich das unbegreifliche: wie eine Zivilisation zuschauen kann, wenn Menschen auf den Bildschirmen, in den Nachrichtensendungen sterben.

Ich stehe auf der Straße, in der ein erster Herbstnebel sich breit gemacht hat. Doch nicht nur der Herbst macht die Tage grauer. Es ist auch der Staub, der von den Trümmern in Aleppo aufsteigt, der sich hier auf die Fassaden legt und in dem Stadtbild mehr und mehr die Farben verschwinden lässt.

Als in Deutschland die Innenstädte verwüstet und in Europa Millionen Menschen in KZ ermordet wurden, schrieb Bertolt Brecht:

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Als Adorno aus dem Exil nach Frankfurt zurück kehrte,schrieb er nieder:

Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch,…

In einer Zeit nun, in der alle Menschen zugleich Sender und Empfänger von Informationen sind, wenn sie hier am morgendlichen Pendler-Bahnhof stehen, das gesamte Weltwissen im Zugriff ihrer Hände – was ist da noch ein Baum, ein Gedicht? Nichts mehr bleibt uns verborgen, alles liegt offen. Wir sind eingewoben in ein weltweites Netz, das hinter all den Informationen natürlich auch jeden Ausdruck unseres Seins miteinander verknüpft.

Was also wird nach Aleppo noch möglich sein – Lieben, Atmen? Das Verpacken von Handlungsversagen in die praktischen Container übergeordneter Gründe ist uns längst Alltagshandeln geworden. Der Preis, den wir alle für diese Container bezahlen, ist unsere Unschuld.

Sie wird unter der Dusche stehen, während die Tweets das Grauen von Aleppo durch die Netzwerke senden. Die Welt hat sich immer rascher verändert seit unserem ersten Kuss. Unsere Träume sind grauer geworden in diesem Jahrhundert. Die Trümmerfelder der gegenwärtigen Kriege rücken immer näher heran an die Wege, die uns in die Zukunft führen. Landmarken, die uns zur Orientierung dienen, sinken ein zu Ruinen.

botschaft_russland_800Russische Botschaft, Berlin, 12.10.2016, 16:30 Uhr

protest_botschaft_iran

Iranische Botschaft, Berlin, 28.10.2016, 14:15 Uhr

Die Welt, in der wir uns lieben wollten, scheint verloren. Sie ist verloren, wenn wir nicht handeln.

 

These times are heavy
And you’re all alone.
The battle’s over
But the war goes on.

Politics, religion,
Love of money too.
It’s what the world was built for
But not for me and you.

Age of Reason, Black Sabbath