It’s Only Rock’n’Roll …

… but without it all is nothing.

Ich sitze im Thalys nach 20151126_124049Paris und lese den FAZ-Bericht zum Interview mit den ‘Eagles of Death Metal’:

„Ich will die erste Band sein, die im „Bataclan“ spielt, wenn es wieder öffnet. Unsere Freunde kamen dorthin, um Rock’n’Roll zu sehen, und starben. Ich will wieder dorthin gehen und leben.“
Jesse Hughes

Josh Homme habe ich vor vielen Jahren mal mit seiner Band ‘Queens of the Stone Age’ irgendwo in Ostwestfalen gesehen – als Vorgruppe von Monster Magnet. Er möchte die Tour der ‘Eagles of’ fortsetzen:

“Wir stehen für die Menschen, die es nicht geschafft haben, deren Geschichten vielleicht nie erzählt werden.”

Josh Homme

Für die Terroristen war das Bataclan ein Ort, wo sich ‘Götzendiener zu ihrer verwerflichen und perversen Feier’ getroffen hätten. Es war ein Anschlag von Fanatikern auf unsere Art zu Leben, Musik zu hören, In Cafés zu sitzen, zu lieben und zu feiern.

Paris war schon vorher in seiner Überhöhung eine Metapher für ein ‘hinter sich lassen’ von Fesseln und Konventionen, nicht nur in der Liebe, sondern in allem, worin der Mensch seine Freiheit ausdrücken kann. Und weil dies mit Rock-Musik noch besser geht, hier einige Zitate von den unzähligen Konzerten, die ich in den letzten Jahrzehnten besucht hatte:

“So you children of the world,
listen to what I say
If you want a better place to live in
spread the words today
Show the world that love is still alive
you must be brave
Or you children of today are
Children of the Grave, Yeah!”
Black Sabbath

 

“Love and only love will break it down”
Neil Young & Crazy Horse

 

“Rock ‘n’ roll ain’t noise pollution
Rock ‘n’ roll ain’t gonna die”
AC/DC

 

“Oh, a storm is threat’ning
My very life today
If I don’t get some shelter
Oh yeah, I’m gonna fade away
War, children, it’s just a shot away
It’s just a shot away”
Rolling Stones

 

“I have to find the will to carry on
On with the –
On with the show –
Show must go on…”
Queen

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“Train kept a rollin’ all night long”
Aerosmith

 

Asche der Apokalypse

Philip Ruch vom “Zentrum für politische Schönheit” sagt im aktuellen SPIEGEL folgendes:

“Menschen, die gelernt haben, Angriffe auszuhalten, die sich nicht gezwungen sehen, jeden Angriff blind zu vergelten, sind etwas unfassbar Schönes. Sie können Terroristen durch deren eigene Taten demütigen, und zwar dadurch, dass sie sie damit allein lassen.

In Deutschland leben 80 Millionen Menschen. Die meisten stehen dem Horror an den Grenzen gleichgültig gegenüber – wie auch die politischen Eliten.”

Ruch erschien zu diesem Gespräch schwarz geschminkt, mit dem Ruß unserer verbrannten Träume und Hoffnungen, mit der Asche der Apokalypse des 20. Jahrhunderts.

Avaaz hat für die Demonstrationen zum Klimagipfel in Paris einen Plan B herausgegeben:

Wir sind für diese Aktion gut vorbereitet 😉

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Und auf der Zugfahrt nach Köln läuft im Smartphone:

Und wir singen im Atomschutzbunker:
“Hurra, diese Welt geht unter!”
“Hurra, diese Welt geht unter!”
“Hurra, diese Welt geht unter!”

Und wir singen im Atomschutzbunker:
“Hurra, diese Welt geht unter!”
“Hurra, diese Welt geht unter!”
Auf den Trümmern das Paradies

K.I.Z. – Hurra, diese Welt geht unter

14 Jahre Terror!

Es war in einem Büro in der Altstadt, als ich am 11.09.2001 die Zwillingstürme in New York das erste Mal brennen sah – bei irgendeinem Fernsehsender, der diese Bilder durch das Internet schickte. Ich erinnerte mich an die Hochzeitsreise zwei Jahre zuvor, als meine Frau und ich auf der WTC-Aussichtsplattform für Besucher standen. Eine Etage darunter gab es die Möglichkeit, nur von einer Glaswand getrennt in den ungeheuren Abgrund zu blicken, über 400 Meter hinab auf die Straßen New Yorks.

Ich rief meine Frau an und forderte sie auf, sofort nach Hause zu kommen. Ich verließ den Arbeitsplatz, radelte in unsere Wohnung und wartete auf sie – und auf unser sechs Monate altes Kind. Ich dachte, dies müsse nun der dritte Weltkrieg sein. Doch ich hatte Unrecht. Es war der vorläufige Höhepunkt des ersten Weltbürgerkrieges.

Heute ist unsere erste Tochter 14 Jahre alt. Am 13. November 2015 um 21:20 saßen meine Frau und ich vor dem Fernseher und schauten uns das Länderspiel an – sie im Frankreich-Trikot, ich im Deutschland-Trikot. Vor dem Haus wehte die Trikolore – wie immer bei französischen Länderspielen. Meine Frau hat zwei Jahre in Frankreich gelebt, ein Jahr davon in Paris. Als sie das erste Mal wegen einer Schwangerschaft kotzte, waren wir in Paris.

In den vergangenen 14 Jahren sind Terror und Bürgerkrieg immer näher gekommen. Er war in London, in Madrid, in Paris und nochmal in Paris. Er war in Tunis, Oslo, Beirut, Bagdad, Aleppo und Damaskus. Er war in Nigeria, im Sudan und in Eritrea. In Ägypten und in Libyen. Er war so lange irgendwo anders, bis niemand mehr wegschauen konnte. Und morgen sind wir zu zweit in Paris.

Nach 14 Jahren Terror mussten wir uns fragen, ob wir drei KindProtect_Earth_mit_Raphi_ohne_Kopfer bei den Großeltern zurück lassen wollen, um die ‘Stadt des Lichts’ zu besuchen – per Zug mit Zwischenstopp in Brüssel. Wir wollten an den Demonstrationen zur Weltklima-Konferenz teilnehmen – doch der Terror hat dem Protest seine Stimme genommen.

Nach 14 Jahren Terror haben wir entschieden, uns nicht mundtot machen zu lassen von Fanatikern. Welche Welt würden wir auch unseren Kindern hinterlassen, wenn wir zu Hause sitzen bleiben würden um zu warten, dass es irgendwie weiter geht?

Nach 14 Jahren Terror geht es schon lange nicht mehr nur um den politischen Kampf. Längst geht es um mehr, wenn man sich in diesen Tag lediglich auf den Weg nach Paris macht. Es geht um eine Haltung, mit der man sich dem Irrsinn in diesen Zeiten entgegen stellt. Es geht darum zu zeigen, dass die Gewalt und der Hass nicht die Agenda unseres Lebens bestimmen werden, dass die Politik nicht die freie Hand bekommt, die Fehler der letzten Jahrzehnte immer weiter fortzusetzen (wie Bernd Ulrich in einem brillanten Artikel auf ZEIT Online heraus arbeitet).

Die 14 Jahre Terror sind nicht nur eingebettet in 15 Jahre Familie, sondern auch in 30 Jahre politischen Kampf. Es ist eine Biographie des lauten Widerstands gegen Realpolitik, Mutlosigkeit und Stillschweigen, gegen den Status Quo und gegen Zukunftsvernichtung. Wir wollten in Paris gegen die Zerstörung des Weltklimas protestieren, wie viele tausend andere Menschen auch. Dann kam der Terror ganz nah. So nah, wie noch nie in 14 Jahren.