DigitalCharta – What is the Fucking Problem?

Auf dem ersten Blick scheint die Erarbeitung einer DigitalCharta – also von Grundrechten in der digitalen Sphäre – einen gewissen Charme zu haben, erscheint dieser Teil unserer gelebten Realität sich als vollständig rechtsfreier Raum auszubilden. Bei näherer Betrachtung wird aber deutlich: Die Herausforderungen der Zukunft sind andere – und eigentlich die immer gleichen.

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We Rock

Montag Morgen. 4 Uhr. Auf dem Rückweg im Bus auf der A2 durchs Ruhrgebiet. In den Kopfhörern ‚An Evening with …‘. Die Vorfreude auf die eigene Dusche und das eigene Bett erreicht Höchstwerte. Diese Arbeitswoche wird mit einem Tag Verzögerung beginnen.

„We pray to someone
But when it’s said and done
It’s really all the same
With just a different name
So many voices
All giving choices
If we listen they will say
Oh we can find the way
But we’ll sail along, sing a song, carry on
‚Cause we rock, we rock, we rock, we rock“

Dio

I’m goin‘ home

Wenn sich die Tränengaswolken am Place de la République verzogen haben, wird die alte Fahne noch immer auf dem nassen Denkmalsockel liegen. Wir sitzen im Bus auf dem Weg nach Hause.

Vier Tage, die wie im Flug vergangen sind. Der Papst hat seine Schuhe neben den unseren abgestellt als Weckruf gegen die Untätigkeit der Politik beim Klimaschutz. Wo wir am Bataclan mit vielen anderen Menschen der Terror-Tat gedachten, hat der US-Präsident Blumen abgelegt. Wenige Stunden zuvor waren wir Teil einer wundersam spontanen Menschenkette, organisiert von Menschen, die in den Cafés entlang dem Boulevard Voltaire Demo-Matreial an die Helfer verteilten und Protest-TShirts ausgaben. Wir trafen die katholische Landjugend aus Bayern beim Cappuchino und später Hand-in-Hand in der Kette.

Wir sahen den Louvre in den Flammen eines Sonnenuntergangs. Wir stellten fest, dass die Bistro-Tische in Paris zu klein für Laptops sind, weswegen sich dort die Smartphones viel rascher durchgesetzt haben. Die gro0en Weisheiten der Menschheit finden sich immer noch auf den Sitzflächen der Pariser Caféstühle. Nur wer Nachts in einem Pariser Café saß, darf auf den Himmel hoffen. Die jungen Mädchen rauchen ihr GRas am Kanal und kichern genau so albern wie in Köln, Münster und Berlin. Der Kellner verabschiedet sich mit vielen Küsse, als wir mit dem Koffer im Schlepptau den Ort verlassen, der ein Spiegel dieser unfassbar schönen Welt ist.

Wäre Paris ein guter Freund, würde er folgendes zum Abschied hören:

„I hope the world sees the same person
That you’ve always been to me
And may all your favorite bands stay together“
Dawes

 

„Gonna take me back right where I belong
I’m goin‘ home, I’m goin‘ home
I’m goin‘ home, I’m goin‘ home
Hoo, hoo….., right where I belong“
Ten Years After

There ain’t no grave …

Wir hatten unser alte Trikolore mit nach Paris genommen. Das Wetter hatte sie in den letzten Jahren altern lassen, die Farben waren verblichen, das Weiß war vom schmutzigen Regen grau gewaschen worden, den Saum am roten Stoff hatten die Herbststürme eingerissen, die Metallösen war angerostet.

Nun liegt unsere Fahne am Place de la République zwischen all den kleinen und großen Zeichen der Trauer, des Mitgefühls, der Solidarität, des Trotzes und des Muts. Und wir wissen, dass wir niemals aufgeben dürfen, unsere Art zu Leben zu verteidigen gegen gewaltbereite Fundamentalisten und Fanatiker.

„When I hear that trumpet sound

I’m gonna rise right out of the ground
Ain’t no grave can hold my body down“
Johnny Cash

We all stand together

Die Libération berichtet, dass heute auf dem Boulevard Voltaire bis zu 10.000 AktivistInnen für eine aktive Klimapolitik und den Schutz der Erde protestiert haben. Wir hatten das Privileg, ein Teil dieses einmaligen Ereignisses sein zu dürfen. Das erfüllt uns mit tiefer Dankbarkeit an alle, die dies möglich gemacht haben.

An diesem Tag haben die AktivistInnen wieder einmal alles in die Waagschale geworfen, was sie gegen die zerstörerischen Kräfte von Kapital und Politik in den Kampf werfen können: Spontanität, Kreativität und Mobilisierbarkeit. Wir haben nicht nur gegen die Klimazerstörung protestiert. Wir haben der Angst und der Einschüchterung getrotzt und gezeigt, dass wir stärker sind.

Mögen das Ereignis und die Bilder, die nun hinaus in die Welt gehen, dazu beitragen, dass wir weiter gemeinsam um eine gerechte, friedfertige und nachhaltige Zukunft kämpfen werden.

With all our love and resistance – pictures from Paris!

 

Countdown to Action

Nur noch wenige Stunden bis zur Menschenkette gegen den Klimawandel auf dem Boulevard Voltaire am Sonntag Mittag. Attac France schickt die aktuellen Verhaltensregeln für morgen herum. Wir diskutieren im Café an der Metro-Station Jaques Bonsergent, wer wohl für sechs Monate ins Gefängnis gehen wird, wenn die Polizei hier in Paris die Demo auflösen wird. Aktuell greift die Ordnungsmacht hier rigoros durch – und nutzt die neuen Vollmachten aus.

Was bleibt, sind trotz der Anspannung, fundamentale Wahrheiten aus der schönsten und aufregensten Stadt der Welt:

photo_2015-11-29_00-19-36Nicht die Frauen in Paris sind elegant, sondern die Stadt selber macht die Frauen elegant.

 

 

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Trotz des Terrors: Die ‚Tore zur Hölle‘ sind immer noch ein wunderbares Kunstwerk von Auguste Rodin.

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Gepaart mit Schicksalsergebenheit und Nonchalance kann sich Dekadenz durchaus in eine legitime innere Haltung verwandeln.

 

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Ratschläge wie ‚meiden Sie Menschenansammlungen‘ können angesichts der Realität zu größter Verunsicherung führen.

… möge die Straße …

Dem Internet sei Dank! Wir wussten Ort und Zeit und fanden die Kirche Paroisse des Billettes hinter dem Hôtel de Ville rechtzeitig, um die Klimapilger in Paris begrüßen zu können. Damit schließt sich für uns die Aktion ‚Geht doch!‘, die für uns vor Monaten mit einem Besuch des Orga-Teams in Münster begonnen hatte und nun in einer Stadt endet, die hin und her gerissen ist zwischen tiefster Finsternis und hellstem Licht.

Wir hatten uns versprochen, dass, wenn wir schon nicht mitgehen können, wir wenigstens vor Ort sein wollten bei der Ankunft. Denn wie immer war für uns das Nichts-Tun keine Option. Und es tat gut, in der aufgewühlten Stadt für eine Stunde die Gedanken und Gefühle zur Ruhe kommen zu lassen.

Was bleibt in der Erinnerung von dem ökumenischen Gottesdienst – angesichts der mächtigen Emotionen, denen man auf dem Place de la République und vor dem Bataclan ausgesetzt war? Zum einen das laute Lachen spielender Kinder, das von einem Kindergarten hinter der Kirche bis in den Innenraum des Gebäude hallte und lauter war als viele Wortbeiträge (meine Ohren zollen dem Alter und dem Heavy Metal so langsam Tribut).

Zum anderen bleibt der Bericht der Frau aus Nordeuropa, die in einer Thermoskanne Wasser auf ihrem Weg durch Nordeuropa gesammelt hat – aus Flüssen und Teichen, von Island bis Paris. Es soll ein Symbol dafür sein, dass – egal von wo wir kommen – wir nicht so verschieden sind, dass wir zusammen gehören und nur gemeinsam die großen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen können.

Als letztes noch der Taizé-Gesang während der Lichter-Prozession, als die Kerzen zum Altar gebracht wurden:

… lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht …

Doch es ist immer erst zu Ende, wenn es zu Ende ist. Am Sonntag werden wir auf dem Place de la République sein und versuchen, uns in die Menschenkette gegen die Klimawandel einzureihen. Ob aus diesem Plan auch etwas wird – diese Macht liegt nicht in unseren Händen.

Boots are Made for Walking

Aufgrund der Terroranschläge hat die französische Regierung alle Proteste und Kundgebungen zur Weltklimatagung in Paris verboten. Das Team von avaaz.org sammelt nun Schuhe, um einen Protestmarsch am Sonntag zu mobilisieren.

Wir waren vor Ort und haben mit den Organisatoren gesprochen – und unsere Schuhe abgegeben. Wir hoffen, dass diese Aktion nicht nur in Paris, sondern weltweit unterstützt wird.

Stairway to Heaven

Da hatte er einen Traum: Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte.

1.Mose 28,11

In dem Film ‚Jacob’s Ladder‘ aus dem Jahr 1990 wird die Geschichte eines Soldaten erzählt, der während des Vietnam-Kriegs tödlich verwundet wird und vor seinem Tod eine Vielzahl an Visionen erlebt, unter anderem eine Treppe, auf der er am Ende des Films aufsteigt.

Wir gehen über den Place de la République und weiter zum Bataclan. Überall verharren Trauernde. Blumen und Kerzen, Flaggen und persönliche Botschaften auf Briefen oder Zetteln, am Bataclan auch Räucherkerzen. Immer wieder Menschen, die stehenbleiben, niederknien, weinen.

Der Verkehr hastet am Blumenmeer vor dem Café am Boulevard Voltaire vorbei. Die Menschen stehen am Sichtschutz vor den Blumen direkt auf der Straße. Polizisten versuchen diskret, das Chaos ein wenig zu ordnen. Die schwarzen Waffen schaukeln in ihren Gurten vor dem Brustteil der schusssicheren Weste. Kamerateams lassen die Objektive auf die Front des Gebäudes starren. Fotos werden aus vorbeifahrenden Autos geschossen. Und einen langen Moment lässt sich spüren, mit welch kalten Klauen das Grauen in den Alltag hinein greift.

Wir gehen schweigend durch die Gassen des Viertels und treffen einen Freund zum Mittagessen. Schwarzen Reis, Fleisch, Gemüse, Nachtisch. Das Essen ist gut, trotzdem nicht teuer, das kleine Café ist gut gefüllt, es wird laut gesprochen. Wir bleiben, bis sich das Café langsam leert.

Der Freund begleitet uns zur Metro. Wir kommen an einem weiteren Café vorbei, an einer Ecke, wo der Bürgersteig wieder mit Blumen übersät ist. Der Freund erzählt, dass er an jenem Freitag nur deswegen nicht in dem Café saß, weil weil er an zum Wochenende in der Bretagne gefahren war. Er wird demnächst heiraten.

Das Leben geht weiter!

 

„I tell love, sister
it’s just a kiss away“
Rolling Stones